Konzert und Theater St.Gallen: Verdis «Aida» für die 21. St. Galler Festspiele als Nachtstück
AIDA-Premiere zwischen Macht, Liebe und Ohnmacht der Seele
Gelungene AIDA-Premiere beim St. Galler Festspiel 2026. Verdienter Schlussapplaus für Dirigent Modestas Pitrenas und im Hintergrund für Libby Sokoloswski, Marcelo Puente und Amber Monroe (von links).
Foto: Roland P. Poschung/Kulturonline.ch
Eine herausragende Leistung in Gesang, Schauspiel, Bühnenbild und Kostüm war bei den 21. St.Galler Festspielen, diesmal nicht draussen bei der Kathedrale, sondern bei Konzert und Theater St.Gallen, dem früheren Stadttheater, im grossen Saal zu bestaunen. In nur sechs Wochen haben die Verantwortlichen um Regisseur Ben Baur und Musikdirektor Modestas Pitrenas die anspruchsvolle und eindrückliche Verdi-Oper mit dem Ensemble einstudiert und zu einem sagenhaften Meisterwerk verwandelt. Amber Monroe, sie glänzte in der Titelrolle, Libby Sokolowski als Amneris, Marcelo Puente als Radames, Sultonbek Abdurakhimov als Ramfis, Vincenzo Neri als Amonasro, Jonas Jud als König, Olivia Smith als Hoheprieserin und Riccardo Botta als Bote gehören aktuell zur internationale Star-Besetzung – allein von ihnen waren die Premierenzuschauenden gerührt, denn die Kraft und Ausstrahlung bei ihren jeweiligen Auftritten faszinierten. Am Ende gabs verzögert Standing Ovation.
Ein Vergleich mit aktuellen Kriegen
Fazit: Die Oper AIDA war auch in der Nachtaufführung ein Erlebnis. Eine Selbstfeier zwischen Gott, Tod, Rache und Gnade in einem einfachen, vielseitig nutzbaren Bühnenbild sowie mit Kostümen aus der wenig pompösen Bekleidungszeit. Kein einfacher Verdi-Inhalt, der an die Anfänge rund um die Einweihung vom Suez-Kanal sowie aktuell an die grauenhafte, heutige geopolitische Spannungs- und Kriegslage in vielen Regionen der Welt erinnert. Hut ab vor den glänzenden Leistungen der Darstellenden, dem Chor und den Musizierenden, die sich im Musikgraben gegenseitig zum gelungenen Premierenauftritt gratulierten und sich zur anschliessenden Premierefeier verabschiedeten.
Vorschau:
Ben Baur inszeniert und Modestas Pitrenas hat die musikalische Leitung
Gemäss dem neuen Zweijahresrhythmus wird die Oper, das traditionelle Herzstück der St. Galler Festspiele, erst 2027 wieder auf dem Klosterhof gespielt. 2026 zieht die Oper erstmals ins eigene Haus. Gefeiert wird diese Premiere mit einem der klingendsten Namen des Repertoires: Giuseppe Verdis «Aida». Die Produktion von Regisseur Ben Baur steht unter der musikalischen Leitung von Modestas Pitrenas. Premiere war am 19. Juni 2026 und zwar in italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln.
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Amber Monroe (Bild, sie spielt die Titelrolle), Libby Sokolowski, Marcelo Puente, Sultonbek Abdurakhimov, Vincenzo Neri, Jonas Jud, Olivia Smith und Riccardo Botta bilden die internationale Star-Besetzung in St.Gallen.
(Foto: Konzert und Theater St.Gallen).
Bekannt für den ikonischen Triumphmarsch ...
... und monumentale Chorszenen, überzeugt «Aida», entstanden 1870 auf dem Höhepunkt von Giuseppe Verdis Ruhm, nicht nur musikalisch, sondern auch durch die packende Handlung nach einem Szenarium des Archäologen Auguste Mariette, das Verdi nach seinem Gutdünken ergänzte. Im Zentrum steht die Kriegsgefangene Aida, eigentlich eine äthiopische Prinzessin. Sie liebt den verfeindeten ägyptischen Heerführer Radamès, der die Königstochter Amneris heiraten soll. Zwar erwidert Radamès Aidas Liebe, doch diese wird zum Spielball gewissenloser Machtpolitik eines zementierten politischen Systems – und endet für beide tödlich.
Die Kombination aus opulenter Musik und dem ursprünglich in Ägypten angesiedelten Kriegsschauplatz macht die 1871 in Kairo uraufgeführte «Aida» vielerorts zu einem sommerlichen Opernhighlight unter freiem Himmel. Dabei geraten jedoch die kammerspielartigen, psychologisch-intimen Szenen gerne in den Hintergrund.
Die 21. St. Galler Festspiele als geschätzte Tradition
Anlässlich der 21. St. Galler Festspiele zieht «Aida» ab dem 19. Juni 2026 hingegen ins Opernhaus. Dadurch eröffnen sich neue Möglichkeiten, wie Regisseur Ben Baur, der auch das Bühnenbild verantwortet, festhält: «Wir versuchen, auch in den monumentalen Szenen den Fokus auf die Figuren nicht zu verlieren. Wir haben nach einer Atmosphäre gesucht, die dem opulenten musikalischen Duktus entspricht und zugleich Raum für intime Szenen lässt: Ein Palast, ein Gefängnis und eine Grabkammer gehen fliessend ineinander über. Aida ist für mich ein Nachtstück. Dunkel ist die Gruft, in der Radamès lebendig begraben wird. Die Szene am Nil, in der der Chor aus weiter Ferne hinter der Bühne singt, spielt nachts. Die heimlichen Duette, die verborgenen Gedanken – all das hat für mich etwas Nächtliches. Nicht alles enträtselt sich sofort.»
Herausragende Besetzung neben den Stars auch im Hintergrund
Ben Baur, zu dessen Team auch Uta Meenen (Kostüme), Anselm Fischer (Licht), Rachele Pedrocchi (Choreografie) und Barbara Tacchini (Dramaturgie) gehören, erzählt die Geschichte, indem er auf Amneris und damit auf die zentrale Frage fokussiert, was mit einer Figur passiert, die Schuld auf sich geladen hat und damit weiterleben muss. Sie wird durch Tänzerinnen vervielfältigt. Gesungen wird die Rolle von Amneris durch Libby Sokolowski, die als Floria Tosca bereits in der letzten Festspielausgabe begeisterte. Davor war sie während zweier Spielzeiten Teil des St. Galler Ensembles. Zuletzt debütierte sie als Sieglinde in Wagners «Walküre» an der Opéra de Monte-Carlo.
In der Titelrolle kommt es zu einem Europadebüt: Amber Monroe zählt in den USA zu den gefragtesten Sopranistinnen der Gegenwart. 2025/26 gab sie ihr Debüt als Aida an der Washington National Opera. Davor war sie u.a. an der Seattle Opera, der San Diego Opera und der Portland Opera sowie der San Francisco Opera zu erleben. Ebenfalls zum ersten Mal in die Ostschweiz kommt Marcelo Puente, der die Rolle des Radamès übernimmt. Der argentinisch-spanische Tenor ist bereits an zahlreichen renommierten Häusern auf der ganzen Welt aufgetreten. Zu den jüngsten Höhepunkten seiner Karriere zählen seine Auftritte als Cavaradossi in «Tosca» am Covent Garden sowie am Theater Bonn, am Teatro Colón in Buenos Aires, an der Staatsoper Hamburg und an der San Diego Opera.
Mit Sultonbek Abdurakhimov als Ramfis bereichert ein weiterer Gast das Ensemble, das ansonsten aus hauseigenen Solistinnen und Solisten besteht: Vincenzo Neri als Amonasro, Jonas Jud als König, Olivia Smith als Hohepriesterin und Riccardo Botta als Bote.
Am Pult des Sinfonieorchesters St. Gallen steht Modestas Pitrenas. Damit ist «Aida» die letzte Gelegenheit, den scheidenden Chefdirigenten und Künstlerischen Leiter der Konzertsparte von Konzert und Theater St. Gallen in der Ostschweiz als Operndirigent zu erleben. Filip Paluchowski leitet den Chor des Theaters St. Gallen sowie den Opernchor St. Gallen.
Mehr zur AIDA-Eröffnung vom Suez-Kanal
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